Ha Jin- Ein freies Leben

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„Um ein freier Mensch zu werden, musste er seinen eigenen Weg gehen, Einsamkeit und Isolation ertragen, die Illusion vom Erfolg aufgeben und sein reduziertes Dasein als Einwanderer und Schüler der neuen Sprache akzeptieren. Mehr noch, er musste riskieren, sein Leben zu vergeuden, nichts zu erreichen und sich in den Augen der anderen lächerlich zu machen. Und er musste den Mut besitzen, sich nicht dem Geld, sondern der Dichtkunst zu verschreiben und vielleicht damit zu scheitern.“

Zu Zeiten des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens wandert Nan aus, später kommt seine Frau Pingping hinzu. Als der Sohn Taotao im Alter von fünf Jahren folgt, setzt die Handlung des Romans ein.

Kaum betreten die Eltern den Flughafen, um ihren Sohn abzuholen, werden wir hineingezogen in die Erlebnisse der Familie Wu, die versucht, ihren Weg vom amerikanischen Traum zu finden. Sie leben als Haushälter bei einer amerikanischen Frau, schlagen sich mit unterschiedlichen Jobs durch und suchen nach der großen Unabhängigkeit.

Wer hier etwas im Stil von „Der Dschungel“ erwartet, wird enttäuscht werden. Auch über China an sich wird nicht viel Neues berichtet, keine großen Erkenntnisse tun sich auf und auch der Weg der Wus ist nicht sehr beschwerlich. Im Nachhinein hatte ich den Eindruck, dass alles zu leicht war. Auf der anderen Seite hatten auch sie mit Schicksalsschlägen zu kämpfen, mussten sich anpassen und einen Freundeskreis finden, der zu ihnen hält.

Die Sprache des Romans ist einfach. Ich bedauere es, das Buch nicht im Englischen gelesen zu haben, einigen Feinheiten hätten mich schon interessiert, einfache Fragen der Übersetzung (wurde wirklich „son of a bitch“ als „Kotzbrocken“ übersetzt?). Vermutlich ging dadurch auch viel vom ursprünglichen Zauber des Werkes verloren.

Die Charaktere sind fein gezeichneit, ein wenig übertrieben fand ich die Namen, kann mich dazu aber nicht sehr fachmännisch äußern. Da der Autor selbst chinesischer Herkunft ist, wird er seine Namen wohl mit Bedacht gewählt haben. Interessant waren dagegen die sprachlichen Feinheiten bzw. Fehler der Wus, etwa Nans Unvermögen, im Englischen das „R“ auszusprechen. Ein Kunstgriff war es meiner Meinung nach, dass Ha Jin die Dialoge nicht komplett in Englisch führen ließ, sondern seine Charaktere sehr oft chinesisch reden ließ. In meiner Ausgabe (Hardcover) waren die chinesischen Dialoge kursiv gedruckt, wie eine ständige Erinnerung an den Leser, mit was für Figuren man es hier zu tun hat.

Insgesamt gesehen war „Ein freies Leben“ ein guter Zeitvertreib, eine Lektüre für lange Nachmittage. Allerdings hat es nichts informatives oder spannendes an sich, es gibt keine überraschenden Wendungen, auch wenn man an sehr vielen Stellen mit den Wus zittert und hofft, dass sie nicht übers Ohr gehauen werden.

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